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Le corps est dans le monde social, mais le monde social est dans le corps
(Pierre Bourdieu)

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Socialia News

selegieren aus der Fülle an fachlichen Texten
unter Gesichtspunkten von Soziologie und Sozialer Arbeit
Verbreitenswertes zu sozialen Fragen


24.08.08 / Soziale Arbeit und Menschenrechte
Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Widersprüche" (Nr. 107) widmet sich schwerpunktmässig dem Verhältnis von Sozialer Arbeit und Menschenrechten. Neben Beiträgen, die sich für die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession stark machen, finden sich in diesem Heft auch Artikel, die dieses Verhältnis kritisch betrachten. Pointiert etikettiert die Kritische Theoretikerin Helga Cremer-Schäfer dieses Unterfangen als "Statuspolitik" und wirft dem "Projekt Menschenrechtsprofession" vor, der Illusion einer widerspruchsfreien Sozialen Arbeit zu verfallen, in der das Problem von "Hilfe und Herrschaft" erledigt ist. Statt einer Wert-Orientierung fordert sie die Ausrichtung an einer Gebrauchswerthaltigkeit von sozialen Dienstleistungen.
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


24.08.08 / In eigener Sache
Nach einem längeren Unterbruch aufgrund fehlender zeitlicher Ressourcen wird diese Seite künftig wieder intensiver bearbeitet. Die inhaltliche Ausrichtung der Beiträge bleibt erhalten. Beiträge und Hinweise sind stets hochwillkommen.


29.02.08 / Warnung: Resultate der Hirnforschung können Ihr Urteilsvermögen trüben!
Die NZZ vom 27.2. berichtet mit Bezug auf das Journal of Cognitive Neuroscience (20, 2008) von folgendem Experiment an der Yale University: Auf kurze Beschreibungen von psychischen Phänomenen wurde den Teilnehmenden jeweils eine Erklärung vorgelegt, die schlüssig war oder nicht und einen (wertlosen) Hinweis auf die Hirnforschung enthielt oder nicht. Wenn die Erklärungen ohne neurowissenschaftliche Zusätze präsentiert wurden, konnten die ProbandInnen (Expertinnen wie Laien) recht gut die logischen Mängel durchschauen. Anders bei den neurowissenschaftlich verbrämten Erläuterungen: Im Unterschied zu den Expertinnen, die nicht auf die Neuro-Rhetorik hereinfielen, betörte der Nimbus der Hirnforschung die Laien teilweise und sie büssten ihre Fähigkeit ein, die logische Unzulänglichkeit einer Argumentation aufzudecken.
Als eine von mehreren Erklärungen führten die Autoren an, dass reduktionistischen Argumentationsmustern, die ein psychisches - und zu ergänzen wäre: bzw. ein soziales - Phänomen auf eine biologische Basis zurückführen, generell eine grosse Überzeugungskraft innewohne.



16.02.08 / Sozialpolitik fördert Frauenerwerbstätigkeit in der Schweiz
Was schon seit langem vermutet wurde, kann die Konstanzer Politologin Isabelle Stadelmann-Steffen nun empirisch belegen: Während steuerpolitische Massnahmen die Erwerbstätigkeit von Frauen nicht beeinflussen, unterstützen familienpolitische Bestrebungen deren Erwerbsintensität. So fördern Kinderbetreuungsangebote generell Frauen mit Kindern und dabei speziell Mütter der Mittelschicht, für die Erwerbstätigkeit "freiwillig" ist. Allerdings, so die Autorin in ihrem Artikel in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (4/2007), erhöht ein hohes Krippenangebot auch den Spielraum von Frauen, die aus ökonomischen Gründen arbeiten müssen, und ist damit der Chancengleichheit im Arbeitsmarkt dienlich.


18.01.08 / Familiäre Muster beeinflussen Rechtsextremismus
Eine Schweizer Studie zu "Familienerziehung und Rechtsextremismus" im Rahmen des NFP 40+ unter der Leitung des Zürcher Sozialpädagogen Thomas Gabriel hat drei familiäre Muster herausgearbeitet, welche rechtsextreme Deutungen und Handlungen von Jugendlichen fördern:
1. "Abgrenzung durch Überanpassung": Bei dieser Verlaufsform übernehmen die Jugendlichen politisch rechte Einstellungen und Handlungslogiken von den Eltern bzw. Grosseltern.
2. "Gewalt, Missachtung und Suche nach Anerkennung": Hier spielt die jugendliche Erfahrung von Ohnmacht gegenüber Gewalt innerhalb der Familie eine wichtige Rolle.
3. "Nicht-Wahrnehmung und Suche nach Sicherheit und Differenz": Prägend ist hier der Eindruck, von den Erwachsenen nicht genügend wahrgenommen zu werden. Dies kompensieren sie mit Erfahrungen im einschlägigen Umfeld.
(Quelle: idw)


07.01.08 / Altersdiskriminierung in der Schweiz
Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Walter Rehberg (FHS St.Gallen) untersucht die Ungleichbehandlung älterer Menschen aufgrund ihres Lebensalters in der deutschsprachigen Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Was im angelsächsischen Raum "ageism" genannt, beinhaltet Prozesse der Etikettierung, Stereotypisierung und Diskriminierung. Im Unterschied zu anderen Diskriminierungsformen ist jedermann potentiell davon betroffen. Zudem ist ein grosses Potential an Selbstdiskriminierung von älteren Menschen auffällig. Ihre Altersbilder seien vielfach negativer als jene von jüngeren Personen, so Rehberg in der NZZ vom 21.12.07.
Das Forschungsprojekt sammelt auf seiner website Erfahrungsberichte älterer Menschen.


28.12.07 / "Jugendgewalt hat kaum zugenommen"
Eine aktuelle Untersuchung von Denis Ribeaud und Manuel Eisner in Schulklassen im Kanton Zürich kommt zum Ergebnis, dass 2007 gleich viele Jugendliche Opfer von Gewalt wurden wie vor acht Jahren. Auch die Täterraten haben sich nicht geändert. Die grossen Unterschiede zur Polizeistatistik erklären sich die Autoren mit der erhöhten Anzeigebereitschaft und der Zunahme der Aufklärungsquote. Problematische Entwicklungen stellen Ribeaud und Eisner hingegen hinsichtlich der Sexualdelikte (Zunahme jüngerer Täter) und der zunehmenden Konzentration von Gewalt in gewalttätigen Milieus fest.
Download der Zentralen Ergebnisse der Studie (pdf, 320 Kb).


27.12.07 / Master in Sozialer Arbeit bewilligt
Kurz vor Weihnachten hat das Eidgenössische Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) die beiden Masterstudiengänge in Sozialer Arbeit bewilligt. Es handelt sich um den Master of Science in Social Work, der in einer - für die Schweiz erstmaligen - Kooperation der Fachhochschulen Bern, Luzern, St.Gallen und Zürich angeboten wird, und den Master of Arts in Sozialer Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.


14.12.07 / "Dame schlägt König"
4 Jahre nach der Operation Hannibal zeigen die Mitte-Links-VertreterInnen des Schweizer Parlaments ebenso grosses strategisches Geschick bei der Abwahl von Bundesrat Blocher. Als Folge einer gelungenen Wahlstrategie (Operation Kleopatra?) schlägt eine gemässigte und starke Frau die Leitfigur der SVP.
Im Vorfeld der Wahlen brachte die linke WOZ (als Teil dieser Geheimkampagne?) eine SVP-Persiflage in Form einer - von der SVP schon seit langem angedrohten - Zeitung heraus: Der Schweizer. Die Reaktionen in blogs, im Bundeshaus und in der Presse waren überwältigend. Und das Schreiben hat anscheinend auch noch Spass gemacht: "Rechts schreiben ist so einfach!», sagte «Schweizer»-Chefredaktor Damian Läubli begeistert: «Wenig Recherche und einfach behaupten! So macht Journalismus wirklich Spass.» Und Formeln wie «der Rumäne ...» könne man sogar als Kurzbefehl speichern. «Ich kann mir nun die Konversion von WOZ zu SVP vorstellen!» Linke wären bessere Rechte" (TA, 6.12.07).


29.11.07 / Die öffentliche Sorge um das Kind
Die Jahrestagung der Sektion 'Soziologie der Kindheit' der Dt. Gesellschaft für Soziologie und des Dt. Jugendinstituts widmete sich im Oktober dem Thema "Kindheit zwischen Fürsorge und Zugriff". Die Referate behandelten zunächst schwerpunktmässig die Denk- und Handlungsmuster, welche der öffentlichen bzw. organisierten Sorge um das Kind zugrunde liegen, wie dem Tagungsbericht des DJI zu entnehmen ist. Die beiden anderen Schwerpunkte thematisierten spezifische Gruppen von Kindern sowie die professionellen Konzepte in der Annäherung an Kindheit. Abschliessend wurden folgende Vermutungen dann formuliert: a) Der Druck auf Kindheit und die Kinder verstärkt sich (gerade auch in der Mittelschicht), b) Investionen und Exklusionsprozesse können sich gegenseitig verstärken, c) ein verstärkter Diskurs um Bewahrung von Kindheit ist zu erwarten und dürfte zu moralischen Exklusionen führen.


08.11.07 / Junge Frauen in der Sozialhilfe
Baumgartner, Baur und Streuli von der FH Nordwestschweiz haben die Sozialhilfestatistik im Hinblick auf "Risikomerkmale junger Frauen" genauer untersucht. Ihre aktuelle Analyse zeigt u.a., dass in fast allen Kantonen (mit Ausnahme von SG, AI, AR) die Sozialhilfequote der Frauen bei 18- bis 25-Jährigen höher ist als bei den Männern. Zwar teilen junge Frauen viele Risiken mit den Männern, jedoch sind auch geschlechtsspezifische Risikofaktoren bedeutsam. "Ansatzpunkte sind hier bei prekären Formen der Arbeitsmarktintegration zu sehen, die sich besonders in Teilzeitanstellungen manifestieren. Zugleich sind Scheidungen oder die Verantwortung für ein oder mehrere Kinder als Alleinerziehende Risikofaktoren, die in erster Linie in weiblichen Lebensläufen zu einem Sozialhilfebezug führen" (2007, S. 60).


04.09.07 / Warum die Soziale Arbeit sich mit Bourdieu's Werk auseinandersetzen soll
In der letzten Ausgabe des European Journal of Social Work (No.2, 07) plädiert der irische Sozialwissenschafter Paul Michael Garrett für: "Making social work more Bourdieusian". Eine kritische Soziale Arbeit könne mindestens in zweierlei Hinsicht vom Werk des Soziologen profitieren. Dessen theoretischen Konzepte (z.B. das Habitus-Konzept) könne einerseits die Soziale Arbeit in ihrer alltäglichen Praxis befruchten, indem etwa die Alltagsvorstellungen von "guter Erziehung" bei den KlientInnen theoretisch eingebettet und damit verständlich gemacht werden könnten. Andererseits wäre aber nach Garrett auch der "politische" Bourdieu einzubeziehen und die Profession vor diesem Hintergrund selbstkritisch zu beleuchten.
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


28.06.07 / Impulse für eine politische Agenda aus dem NFP 52
Die Leitungsgruppe des NFP 52 "Kindheit, Jugend und Generatzionenbeziehungen" fasst in einer Publikation die Essenz der Impulse und Vorschläge aus den 29 Forschungsprojekten des Programms zu einer politischen Agenda zusammen. Sie fordert u.a.: Die Handlungskompetenzen von Kindern und Jugendlichen müssen stärker berücksichtigt und besser gestützt werden, denn dieses Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft. Zudem muss die Chancengleichheit unter den Kindern und Jugendlichen realisiert werden. Schliesslich sind die Kenntnisse über die Lebensverhältnisse bestimmter Gruppen, z.B. von zugewanderten Jugendlichen, oft lückenhaft und sie wirken stereotyp, weshalb die statistischen und empirischen Grundlagen verbessert werden sollten.
Download der Publikation als pdf (1.1 Mb)


14.06.07 / Soziale Arbeit orientiert sich an Gerechtigkeit
Diese These wird von zahlreichen AutorInnen in unterschiedlichsten Kontexten formuliert - teilweise als Selbstverständlichkeit betrachtet, teilweise als Postulat ausgesprochen. Selten wird sie theoretisch begründet oder gar das Verständnis von Gerechtigkeit geklärt. Einen Versuch macht nun Mark Schrödter in der Zeitschrift Neue Praxis (1/2007), indem er "Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession" versteht und ausführt, worauf sich denn die Gerechtigkeitsurteile der Professionellen beziehen. Sie sollen sich seinen Ausführungen zufolge nicht am subjektiven Nutzen und Wohlbefinden (wie im Utilitarismus) oder an der fairen Verteilung von Grundgütern (wie bei Rawls) oder Ressourcen (wie bei Dworkin) orientieren, vielmehr hätten sie in Anlehnung an A. Sen darauf zu achten, dass jedeR BürgerIn bestimmte, wesentliche Fähigkeiten ausbilden kann. Diese Orientierung an der Gleichverteilung von Verwirklichungschancen zielt damit optimal auf die Verwirklichung gleicher Freiheiten in der Gesellschaft, über die gleichen Sicherheiten ist damit freilich noch nichts ausgesagt.
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


22.05.07 / Gewaltprävention wirkt - manchmal
Die dreijährige Begleitstudie des Zürcher Interventions- und Präventionsprogramms (Zipps) stellte einige positive Effekte des Elterntrainings (Triple F) auf das elterliche Erziehungsverhalten fest, hingegen keine Wirkungen auf das Verhalten des Kindes (aus der Sicht der Erziehungsperson). Für das Sozialkompetenztraining (PFAD) zeigt die Studie hingegen eine verbesserte Problemlösungskompetenz der Kinder.
Die Ergebnisse der Evaluation erscheinen demnächst in Buchform; eine Zusammenfassung findet sich bereits auf der website des Projekts.


04.05.07 / Wiederentdeckung von Ungleichheit in der Sozialisationsforschung
Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation (ZSE, 2/07) lautet: Sozialisation und Selektion. Deren Zusammenspiel wird genauer betrachtet, um die Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit angemessener zu erfassen. Zwei theoretisch-konzeptionelle Beiträge widmen sich der Klärung des Verständnisses von Sozialisation, aber auch der Begriffstriade "Sozialisation - Bildung - Erziehung". Zwei empirische Beiträge untersuchen die Bedeutung des elterlichen Aspirationsverhaltens für die Reproduktion von Bildungsungleichheiten sowie die besonderen Sozialisationsbedingungen in benachteiligten Wohngebieten.
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS St.Gallen in Rorschach.
Vgl. auch zum Thema: "Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter" in APuZ 26, 2006


15.03.07 / Medienkriminalität?
In der Welt der Medien nimmt die Jugendkriminalität immer mehr zu und die zunehmende Gewalt von Jugendlichen erscheint äusserst besorgniserregend. Dieses Bild rückt nun der Konstanzer Kriminologe Wolfgang Heinz in seinem Buch "Kriminelle Jugendliche - gefährlich oder gefährdet?" (vgl. auch die Rezension) mittels empirischer Daten zurecht. Er zeigt etwa auf, dass Jugendliche häufiger Opfer als Tatverdächtige sind oder er formuliert aufgrund der Daten die Annahme, dass ein grosser , "möglicherweise sogar der überwiegende Teil der Zunahme an registrierter Gewaltkriminalität auf einer Veränderung des Anzeigeverhaltens beruht". Auch im Hinblick auf eine oft geforderte Strafverschärfung relativiert er deren präventive Wirkung: "Dem Glauben an die instrumentelle Nützlichkeit eines 'harten' Straf­rechts fehlt heute mehr denn je die erfahrungswissenschaftliche Basis." (vgl. auch seinen Vortrag zur Kriminalprävention).


13.03.07 / Ergebnisse zur Evaluation der neuen SKOS-Richtlinien
Im April 2005 hat die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) ihre Richtlinien zur Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe revidiert. Mit den neuen Richtlinien wurden finanzielle Instrumente eingeführt, die für die Sozialhilfebeziehenden zusätzliche Anreize zur beruflichen und / oder sozialen Integration schaffen sollen. In einem Kooperationsprojekt zwischen den Fachbereichen Soziale Arbeit der Fachhochschulen St. Gallen und Bern hat Walter Rehberg die finanziellen Auswirkungen der revidierten SKOS-Richtlinien im Kanton Bern untersucht. Die Ostschweizer Kantone haben die neuen Richtlinien - zum Teil in einer etwas restriktiveren Form - ebenfalls übernommen. Eine Evaluation der Effekte steht in der Ostschweiz noch aus.
Hier finden Sie den Schlussbericht (PDF, 360KB).


02.03.07 / Judith Janoska (1931-2007)
Die promovierte Philosophin hat sich in den 60er Jahren der theoretischen Soziologie zugewandt, wobei sie durch ihre Auseinandersetzung mit den methodologischen Schriften Max Webers und mit der Rollentheorie bekannt geworden ist. Nachdem sie dann ihrem Mann, dem Philosophen Georg Janoska, 1967 nach Bern gefolgt war, hat sie sich zunächst am Soziologischen Institut mit Wissenschafts- und Revolutionstheorien beschäftigt. Seit den 80er Jahren sind aber vermehrt feministischen Theorien und Wissenschaftskritik im Zentrum ihres Interesses gestanden.
Judith Janoska "wird noch lange weiter wirken, weniger mit ihrem schriftlichen Werk, das biografiebedingt schmal geblieben ist, sondern mit ihrem vornehmen, überlegenen Intellekt, den sie im Dialog und der Zeit trotzend zum Leuchten brachte" (so Urs Hafner in der WOZ vom 22.2.07).


04.02.07 / Ethnische Bildungsungleichheit schon zu Beginn der Schulzeit
Die beiden Mannheimer Soziologinnen Birgit Becker und Nicole Biedinger untersuchen in ihrem Artikel in der letzten Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (4/06) die "Ethnische Bildungsungleichheit zu Schulbeginn". Am Beispiel der Schulfähigkeit zeigen sie ethnische Unterschiede am Ende der Vorschulzeit auf. Diesbezüglich verweisen sie auf die besondere Bedeutung des Kindergartenbesuch für Migrantenkinder - für den Erwerb wichtiger Kompetenzen und den Start ins Bildungssystem: "Bei der Beurteilung der Schulfähigkeit wirkt die Kindergartenbesuchsdauer einerseits indirekt, indem sie die kognitiven Kompetenzen und deutschen Sprachfertigkeiten fördert, andererseits auch direkt" (S. 678). Entscheidende Weichenstellungen für die Bildungskarriere von Migrantenkindern erfolgen damit schon vor Schulbeginn.
Vgl. das Arbeitspapier der Autorinnen zum Vergleich internationaler Studien im Vorschulbereich.


15.01.07 / Digitale Spaltung der Gesellschaft
Der New Yorker Soziologe Eric Klinenberg entlarvt in der aktuellen Ausgabe von Le Monde diplomatique "das Gerede über den Journalismus von 'unten', über Blogs und das revolutionäre Potential des Internet" als Mythos. Er zeigt auf, wie tatsächlich die Medienkonzerne auch das Internet dominieren und wie die meisten NutzerInnen die gleichen Informationsquellen nutzen, nur eben in einem neuen Medium. Die Stärkung der Medienkonzerne hänge einerseits mit der Tatsache zusammen, dass das Nachrichtenangebot im Internet nicht vertrauenswürdig ist, andererseits böten die meisten kleineren websites "mehr Meinungen als Tatsachenberichte und entsprechen nur rudimentär den üblichen journalistischen Standards".
Klingenberg kann aber auch aufzeigen, dass die "Ausweitung der Blogzone" nicht die Ungleichheit unter den Bevölkerungsgruppen abbaut, sondern im Gegenteil noch verstärkt. Die ungleiche Verteilung der Aufmerksamkeit in den grossen Medien setzt sich so im Internet fort.


07.01.07 / erste Nummer der "Schweiz. Zeitschrift für Soziale Arbeit" erschienen
Ende 2006 ist das erste Heft der Schweiz. Zeitschrift für Soziale Arbeit erschienen. Mit dieser Ausgabe kommt auch schon das der Zeitschrift zugrundeliegende Programm zum Ausdruck: Zwei Beiträge widmen sich der Theoriebildung in der Sozialen Arbeit (Silvia Staub-Bernasconi, Elena Wilhelm), zwei weitere thematisieren forschungsbezogene Fragestellungen (Jean-Pierre Tabin, Heinz-Günter Micheel). Zwei Rezensionen sowie Hinweise auf für die Soziale Arbeit interessante Neuerscheinungen und auf Tagungen/Kongresse ergänzen die inhaltlichen Beiträge. Ebenfalls zum Ausdruck kommt schon die internationale Ausrichtung der Zeitschrift (z.B. über den wissenschaftlichen Beirat) sowie die Zweisprachigkeit. Publiziert werden sollen Artikel mindestens in zwei Landessprachen der Schweiz sowie in Englisch.


16.12.06 / Der volkswirtschaftliche Nutzen der Sozialhilfe
Eine aktuelle Studie vom Büro Bass macht darauf aufmerksam, dass die Sozialausgaben nicht nur einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit darstellen, sondern etliche volkswirtschaftliche (Neben-)Effekte haben. So fliessen rund 40% der Sozialhilfe-Ausgaben der Stadt Zürich gemäss der Studie wieder in die Gesamtgesellschaft zurück. Dieses Resultat mag - so die NZZ vom 13.12. - eine Banalität darstellen, in der Debatte um die Begrenzung des Sozialstaats werden jedoch nicht mal mehr solche Selbstverständlichkeiten zur Kenntnis genommen.
Zum Gesamtbericht bzw. zur Zusammenfassung


09.12.06 / Ein philosophisches Wort zum Sonntag
Der deutsche Philosoph Ernst Tugendhat - bekannt geworden durch seine Vorlesungen zur Sprachphilosophie und durch die Auseinandersetzung mit der praktischen Philosophie - widmet sich in der heutigen NZZ ("Wem kann ich danken?") der Frage nach der Religion. Er beantwortet sie mit Bezug auf einen grundlegenden Widerspruch: "Ich glaube, dass einerseits das Bedürfnis nach einem Götterglauben nicht nur ein kulturelles, sondern ein anthropologisches, in der Struktur des menschlichen Seins begründetes Phänomen ist, dass es aber für einen heutigen Menschen, wenn er sich nichts vormacht, nicht möglich ist, diesem Bedürfnis nachzugeben". Nicht nur ist es ihm verwehrt, sich an ein übernatürliches personales Wesen zu wenden, weil er doch weiss, dass Gott nur ein Konstrukt seines Bedürfnisses ist, auch der Ausweg einer nichtpersonalen Mystik ist letztlich keiner, weil er zur Deutung der eigenen Frustrationen unzureichend ist.
Hier findet sich die Niederschrift eines Gesprächs mit Tugendhat zum 75. Geburtstag.


23.11.06 / Schweizer Jugend ist besser als ihr Ruf
Gestern wurden in Zürich die ersten Ergebnisse der ersten interdisziplinären Langzeitstudie COCON (für 'Competence and Context') über die Lebensverhältnisse, Lebenserfahrungen und psychosoziale Entwicklung von mehr als 3000 Heranwachsenden in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz vorgestellt. Sie zeigen entgegen dem gegenwärtig in den Medien vermittelten Bild, "dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Schweiz sehr einfühlsam, verantwortungsbewusst und anstrengungsbereit sind".


16.11.06 / Die Macht der Diagnostik
Dieses Thema bildet den Schwerpunkt der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift SozialExtra. Konkret geht es dabei um die Diskussion des Verdachts, dass Diagnostik und diagnostische Verfahren machtförmig seien und die Interessen und Bedürfnisse der AdressatInnen übersähen. Interessant ist besonders der Artikel von Mark Schrödter "Die Herrschaft machtvoller Diagnostik verhindern!", der sich an Foucault's Machtbegriff orientiert und - entgegen vereinfachender Frontstellungen - zwischen ethisch problematischen und ethisch wünschenswerten Machteffekten unterscheidet. So zitiert er Foucault: "Ich sehe nicht, was schlecht sein soll an der Praxis desjenigen, der in einem bestimmten Wahrheitsspiel mehr weiss als ein anderer und ihm sagt, was er tun muss, ihn unterrichtet, ihm ein Wissen übermittelt, ihm Techniken mitteilt; das Problem liegt eher darin, zu wissen, wie man bei diesen Praktiken, bei denen die Macht sich nicht nicht ins Spiel bringen kann und in denen sie nicht an sich selbst schlecht ist, Herrschaftseffekte vermeiden kann, die einen kleinen Jungen der unnützen und willkürlichen Autorität eines Lehrers unterwerfen, einen Studenten von einem sein Amt missbrauchenden Professor abhängig machen usw." (S. 22).
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


05.11.06 / Ein Fachartikel macht Geschichte
Vor 20 Jahren erschien in der Zeitschrift des "Schweiz. Berufsverbands dipl. Sozialarbeiter und Erzieher" ein längerer Artikel von S. Staub-Bernasconi über die "Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umgangs mit Menschen, Dingen und Ideen", der seitdem immer wieder rezipiert wird. In der Oktober-Ausgabe der heutigen Zeitschrift (SozialAktuell 10/06) nehmen nun Beat Schmocker und Maria Solér von der HSA Luzern dieses Jubiläum zum Anlass, um dessen historische Einbettung zu skizzieren und seine Aktualität herauszustreichen. Diese liegt in der Betonung einer handlungstheoretischen Fundierung der Sozialen Arbeit, wobei Vorstellungen über soziale Probleme, Interventionsniveaus, Arbeitsweisen und transdisziplinäres Erklärungswissen miteinander verknüpft werden.
Auf den websites des Fachverbands Avenir social finden Sie den Artikel von Staub-Bernasconi (Teil 1 3.6 Mb, Teil 2 4.6 Mb).
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


27.10.06 / Neue Fachzeitschrift erscheint Ende Jahr
Gegen Ende des Jahres erscheint die Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit, die von der Schweiz. Gesellschaft für Soziale Arbeit herausgegeben wird. Die Zeitschrift, deren Artikel in einem peer review-Verfahren beurteilt werden, will einen Rahmen bieten für die internationale Diskussion unter WissenschaftlerInnen, die sich in Forschung und Theorie auf Soziale Arbeit beziehen. Gleichzeitig möchte sie auch ein Diskussionsforum darstellen, in dem sich professionelle und wissenschaftliche Praxis begegnen und einen gegenseitig fruchtbaren Austausch pflegen können.


12.09.06 / Evidenzbasierte Soziale Arbeit
"Evidence-based Practice" ist in der Medizin in den USA entstanden und wird nun zunehmend auch in der Pflege und Sozialen Arbeit aufgegriffen. Neben neueren Fach- und Handbüchern erscheint seit 2004 sogar eine eigene Zeitschrift, das "Journal of Evidence-Based-Social Work". Auch in deutschen Zeitschriften werden gegenwärtig von Matthias Hüttemann (Neue Praxis 2/06) und von Roland Schmidt (Blätter der Wohlfahrtspflege 3/06) die Möglichkeiten und Grenzen einer evidenzbasierten Sozialen Arbeit diskutiert. Die Verpflichtung, das praktische Handeln jeweils auf belegte Aussagen (evidence) bzw. auf wissenschaftliche Studien zu stützen, wird dabei nicht bestritten. Allerdings wird u.a. das wissenschaftstheoretische Fundament, die Bevorzugung von quantitativen Studien und die naive "Transfermentalität" von wissenschaftlichem Wissen auf Handlungssituationen kritisiert.
Doch die Debatte ist erst in Gang gesetzt. Denn - so das Fazit von Schmidt - diese Perspektive hat auch ihren "Charme. Sie zwingt systematisch dazu zu fragen, was das vorhandene empirische Wissen der Disziplin im Sinne einer besten erreichbaren Evidence zur Lösung der Lebensprobleme von Klienten (...) beitragen kann" (S. 103).
Die Zeitschriften befinden sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


01.09.06 / Verkleinerung der sozialen Netze in den USA
In der aktuellen Ausgabe der American Sociological Review (Juni 06) werden die Ergebnisse einer Replikation einer repräsentativen Studie zu sozialen Netzwerken aus dem Jahr 1985 vorgestellt. McPherson/Smith-Lovin/Brashears haben für das Jahr 2004 dramatische Veränderungen festgestellt: Die Anzahl der angegebenen Diskussionspartner ist geschrumpft, wobei die Zahl jener, die niemanden haben, um wichtige Themen zu besprechen, sich in diesem Zeitraum gar verdreifacht hat. Zwar haben sich auch Verwandtschaftsbeziehungen verflüchtigt, doch geht die Verkleinerung der sozialen Netze vor allem auf die geringeren Kontakte in der Nachbarschaft und in freiwilligen Organisationen zurück. Bessere Ausgebildete und Weisse sind von dieser Entwicklung etwas weniger stark betroffen. Die Netzwerke der Frauen sind nun nicht mehr grösser als jene der Männer.
Die AutorInnen fragen sich abschliessend. ob dieser soziale Wandel nicht so sehr als zunehmende Isolation, sondern als neue Form der Vernetzung und der Zugehörigkeit zu interpretieren wäre.


20.7.06 / Zur Reproduktion von Ungleichheit durch das Schulsystem
Die Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation (ZSE, 2/06) widmet die aktuelle Ausgabe dem Thema "Armut und soziale Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen". Im Mittelpunkt steht angesichts der Befunde der PISA-Studie die Frage nach der Bedeutung von sozialer Ungleichheit für die Entwicklung der nachwachsenden Generation. So richtet beispielsweise Wolfgang Edelstein sein Augenmerk auf den Beitrag des (dreigliedrigen) Schulsystems zur Erhaltung der Armut. Die Schulen fordern ihmzufolge einen schulleistungsorientierten Habitus und Basiskompetenzen eher als Eingangsvoraussetzungen, statt sie gezielt zu fördern. Edelstein skizziert abschliessend einige pädagogische Strategien zur Überwindung der "Vererbung" von Armut, wobei er die Möglichkeiten der Ganztagsschule und die Bedeutung des Faktors "Zeit" betont werden: "Zeit ist eine wesentliche Ressource dafür, die Entwicklungsressourcen von Kindern zu kultivieren, deren Hintergrund von Deprivation geprägt ist, die aus restriktiven Familienkulturen stammen oder aus Kulturen ausserhalb des Mainstreams, in denen zum Beispiel diskursive Entscheidungsfindung oder die Beteiligung von Kindern am Gespräch der Erwachsenen tabuisiert ist" (S. 132).
Die Zeitschrift befindet sich in der Bibliothek der FHS in Rorschach.


16.07.06 / Vom Tellerwäscher zum Millionär?
Die NZZ vom 12. Juli berichtet von einer vergleichenden Studie über die USA, Grossbritannien und die vier nordischen Länder zur sozialen Mobilität. Die Untersuchung räumte mit dem amerikanischen Mythos gründlich auf, insofern sie aufzeigen konnten, dass die soziale Mobilität von Männern in den USA kleiner ist als in Grossbritannien und dort wiederum tiefer im Vergleich mit den nordischen Staaten. Diese Unterschiede sind gemäss einem Diskussionspapier der Forscher "American Exceptionalism in a New Light" in erster Linie auf die tiefen Aufstiegschancen der untersten Einkommensgruppe in den USA zurückzuführen (Vgl. S. 27). Auffallend ähnlich zeigt sich dagegen die Mobilität im mittleren Einkommensbereich.


07.07.06 / Zur Einbindung in soziale Netzwerke in der Schweiz
Das Bundesamt für Statistik hat aktuell eine Studie über "Intégration und réseaux sociaux" veröffentlicht, die sich mit benachteiligten Situationen befasst, welche zu sozialer Isolation führen. Diese Informationen sollen sozialpolitische Richtlinien im Hinblick auf die besonders belasteten Bevölkerungsgruppen liefern. Einem erhöhten Risiko sozialer Isolation sind gemäss den Resultaten der Studie die folgenden Gruppen ausgesetzt: Personen mit geringem Einkommen, ältere Menschen (ab 75 J.), Alleinlebende, Menschen mit eher schlechtem Gesundheitszustand, ausländische Staatsangehörige und Menschen ohne höhere Schulbildung.










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